Ohne Gott

Nachricht 31. März 2021

Mit oder ohne? Nicht immer geht es bei dieser Frage darum, wie ich leben will. Manchmal finde ich mich auch einfach im „Ohne“ vor. Ohne Freundin, die ich einfach so anrufen kann. Ohne Arbeit. Ohne Plan, wie es weitergehen soll.

In extremen Ohne-Momenten löst sich auf, was mich mit anderen Menschen und Dingen verbunden hat. Mein Draht zur Welt wird lose. Ich fühle mich aussichts-los, hoffnungs-los, trost-los. Das kann auch geschehen, wenn nach außen hin alles zu stimmen scheint. Keine Lust mehr. Keine Kraft. Alles tot.

Wer jetzt „Kopf hoch“ sagt, verkennt den Ernst der Lage. Niemand auf dieser Erde ist vor solchen Abgründen sicher, nirgendwo. Ferne und Verlassenheit können mich treffen, aus heiterem Himmel, ohne mein Zutun. Nichts kann mich davor schützen, auch Gott nicht. Nein, im Gegenteil: Das Schlimmste in diesen Ohne-Zeiten ist das Gefühl, Gott verloren zu haben, gott-los zu sein.

Doch so paradox das auch klingen mag: Die Erfahrung, ohne Gott zu sein, gehört zum Glauben dazu. Jesus stirbt am Kreuz und schreit mit letzter Kraft: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Er klagt und fragt. Mehr geht nicht.

Am Karfreitag nehme ich das Ohne ernst: Die losen Momente meines Lebens. Die Abgründe dieser Welt. Das erloschene Licht. Bin still oder klage, durch die Nacht hindurch.

Julia Koll